• 25. Januar 2015

    Predigt in der Vesperkirche

    Heute habe ich in der Vesperkirche in Mannheim zu Mt 17, 1-9 gepredigt.
    Hier die komplette Rede:

    „Ein ziemlicher Spuk, unser heutiger Predigtext. Ist das Hobbit Teil wieviel? Oder doch die Fortsetzung von Harry Potter? Meine Güte, hoher Berg, helles Licht, eine Stimme aus der Wolke – alles klar. Glauben Sie das im Ernst?

    Was haben wir da eben gehört? „Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes (…) und führte sie auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen (was heißt das überhaupt?), und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne (Wahnsinn!) und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. (Und das reicht nicht es geht weiter:) Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. (…) (Und weiter:) Da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören!“

    Anders gefragt: Können Sie sich vorstellen, dass dieser Text und das beschriebene Geschehen fremd wirkt, zum Beispiel auf jemanden, der mit unserem Glauben nichts zu tun hat? Ja, das kann man sich wohl vorstellen. Jesus konnte sich das offensichtlich auch vorstellen, denn er hat nur Petrus und Jakobus und Johannes mitgenommen, die anderen Jünger nicht und auch sonst niemanden, und er schärft Ihnen ein „als sie vom Berge hinabgingen (…) Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen.“

    Eigentlich ist es ja ganz normal, dass einem etwas fremd ist. Fremd sind uns ja zunächst einmal alle Dinge, Menschen usw., die wir eben nicht oder noch nicht kennen. Ich war mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kurz vor Weihnachten in Berlin im sogenannten Französischen Dom und zwar zum Adventsliedersingen. Es war einfach so, dass eine Einladung kam und wir hatten am Abend ohnehin vor, unsere Weihnachtsfeier zu machen. Und ich hatte nicht ganz ernsthaft auf das Faltblatt geschrieben, ob wir da nicht vorher  zusammen hingehen wollen. Und dann wollten das tatsächlich alle machen, obwohl nur einer sogar Sohn eines Theologieprofessors ist, die anderen mit Kirche aber nicht eben viel oder auch nichts am Hut haben oder „janüscht“ wie es sich dort anhört. Und ich dachte toll, Weihnachtsbaum, volles Haus, Posaunenchor, danach haben wir dann alle, mich eingeschlossen, kapiert, dass bald Weihnachten ist. Wenn man diese Haltepunkte nicht einlegt, ist doch plötzlich wieder überraschender Weise der 24. Und dann war das Ganze aber eher ein Konzert als gemeinsames Singen, es gab keinen Baum, es gab nicht einmal ein Kreuz, auch keine Posaunen, voll war es auch nicht, und so wollte bei mir keine Stimmung aufkommen. Stattdessen saß ich da und habe die Texte der Lieder mitgelesen, die überwiegend von einem Chor vorgetragen wurden und habe ein wenig links und rechts in die Gesichter meiner Mitarbeiter geschaut. Und hatte das Gefühl, dass ihnen das Ganze: fremd ist. Ganz ohne Wolke, weißes Licht, solche Sachen – gut ein paar Engel und ein bisschen Jungfrauengeburt, auch kein ganz leichter Stoff – ja aber einfach fremd weil nicht damit aufgewachsen und vielleicht auch wegen einer Sprache, die es Menschen, die noch nicht dabei sind, doch schwer macht. Während bei mir die Melodien einfach so einsanken als etwas von Kind an Bekanntes und ich den Lukas-Text auch nur aus der Luther-Bibel hören will einfach weil das so gehört. Alle, die mit mir über geschlechtergerechte Sprache reden möchten, bitte ich um Nachsicht. Grundsätzlich gerne, aber nicht zu Weihnachten. Worauf will ich hinaus?

    Ich will darauf hinaus, dass es mich wundert, wie viele da draußen über andere, Fremde, zum Beispiel über den Islam, so genau Bescheid wissen. Wofür der Islam genau stehen soll, dass er nicht zu uns passe, dass er mit Demokratie nicht zu vereinen sei. Würde alles im Koran stehen, könne man dort alles lesen. Ja, meine Güte, in der Bibel kann man auch so einiges lesen. Und ich denke, ehrlicher Weise, ist doch die eine oder andere Stelle uns Christen auch: fremd, manches erst einmal unbegreiflich. Und das darf sie ja auch sein. Der Zweifel ist der Bruder des Glaubens. Die, die keinen Zweifel zulassen können, sind die Schlimmsten. Die vermeintlichen Bescheidwisser. Schauen wir doch nur die Jünger an, die Jesus sogar gekannt haben, die Tag und Nacht mit ihm zusammen waren, was erfahren Sie nicht alleine in der Szene auf dem Berg alles neu: Sie sehen Jesus auf Augenhöhe mit den Alten – bisher kennen Sie einen begabten Prediger und Heiler. Sie erfahren von Gott selbst, Stimme aus dem Himmel, „das ist mein Sohn“ – bisher erleben Sie den Zwiespalt bei den Juden, die sich gerne heilen lassen, ihn aber als Gesetzesbrecher aus der Synagoge werfen. Und sie treten in eine ganz neue Dimension ein, es ist so schön, sie wollen am liebsten für immer bleiben, statt wieder auf Wanderschaft gehen zu müssen. Wir wissen nicht alles, wir dürfen fremdeln, wir dürfen sogar erschrecken wie die Jünger, denen Jesus erst zusprechen muss „Steht auf und fürchtet Euch nicht.“

    Aber, das ist die Botschaft, wir sollen uns einlassen, auf das, was uns zunächst überfordert. Und einlassen auf die Welt –  nein, wir dürfen keine Hütten bauen auf dem Berg, wir müssen wieder hinab ins Tal, weg von den großen Gestalten des alten Bundes, weg vom hellen Licht, es war nur eine kurze Vision, jetzt sind wir wieder im Alltag gefragt, jetzt bringen wir selbst das Licht, ein kleines, ein schwaches, zu den Menschen, die es brauchen, es wärmt doch, es durchbricht die Dunkelheit, hier in der Vesperkirche, schon so viele Jahre, mit so vielen Helferinnen und Helfern. Vielen Dank für dieses Licht.

    Wir sollen uns einlassen. Auch auf die anderen Menschen, auch, gerade auf die Fremden. Deshalb freue ich mich so, dass Sie über Ihre Weihnachtskrippe geschrieben haben „Wir sind alle Juden“. Woanders habe ich gelesen: „Wenn man die Ausländer abzieht, bleiben nur noch Ochs und Esel übrig.“ Ich mag auch Ochs und Esel, aber die Botschaft ist ja klar. Wenn wir uns einlassen, können wir Überraschendes sehen:

    Gestern habe ich gehört, dass die beiden muslimischen Flüchtlinge im Lustadter Pfarrhaus für die fünf christlichen Flüchtlinge dort zusammengelegt und Ihnen einen Weihnachtsbaum geschenkt haben.

    Es geht noch mehr wie nur sich einlassen. Einlassen kann heißen: ich nehme wahr, dass mir etwas fremd ist und es bleibt fremd. Die Jünger werden auf dem Berg aber Zeugen einer Verklärung. Jesus wird verklärt – verwandelt – und Gott traut auch uns zu, uns zu verwandeln, zu verändern. So können wir auf die Menschen um uns herum zugehen. Wir können ihnen etwas zutrauen, niemanden einfach festlegen auf das, was wir gerade meinen zu sehen. Morgens Fremde, mittags Freunde. Verwandlung ist möglich.

    Und die Szene auf dem Berg ist ein Vorgriff auf die Auferstehung Jesu. Aber nicht nur Jesus steht wieder auf. Wir alle stehen wieder auf. Das ist die Zusage. Anders betrachtet: Wir stehen – solange wir können – sogar jeden Morgen wieder auf und können neu beginnen. Der Schweizer Theologe Pierre Stutz sagt:

    „Auferstehung bedeutet für mich, dass wir Menschen eingeladen sind, leidenschaftlich das Leben zu wählen, uns immer wieder dem Leben in die Arme zu werfen, uns einzusetzen für ein menschenwürdigeres Leben.“

    „Doch es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind.  Das Volk das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht; und über die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ (Jes 9, 1f.) Petrus, Johannes und Jakobus haben ein großes Licht gesehen. Ein LichtBlick. Das können, im Kleinen, auch wir Menschen füreinander sein. Und der Friede Gottes, der höher ist als all´ unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, in Christus Jesus. Amen.“

keine Kommentare möglich